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28. / 29. Januar 1986

Sturmfahrt im Golf von Biskaya

28. Januar 1986
Wir fahren morgens in die nördliche Biskaya ein und üben mit der französischen Marine. Wellenhöhe bis zu 3 m und 30 m lang. Habe noch nie so große Wellen gesehen. Abends liegt noch ein Manöver an. In der Nacht soll ein Sturm aufziehen. Die Stimmung im Deck ist nicht gerade gut.



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29. Januar 1986
Der Sturm kommt genau pünktlich zu meiner Brückenwache in der Zeit von 3:40 bis 7:40 Uhr. Die Wellen werden immer höher und höher, der Wind pfeift uns um die Ohren, Wahnsinn. Der Kommandant schätzt die Dünung auf 6 m Höhe und die Länge der Wellen auf knapp unter 100 m. Unser Schiff schaukelt wir eine Jolle auf einem Baggersee. Der Wind nimmt auf 11 Bft. zu, jedoch ist kein Regen dabei. Immer wenn eine Welle von achtern anläuft, denkt der Posten Schanz, dass das Schiff überflutet wird, so hoch türmt sich die Welle auf. Die Schanz (Achterdeck) ist bereits gesperrt, der Posten steht auf dem A-Deck. Plötzlich hebt sich das Achterschiff wie von Geisterhand an und die Welle läuft mit einem tosenden Rauschen unter dem Schiff hindurch. An Steuer- und Backbordseite entstehen dadurch tennisplatzgroße Gischtfelder, die jedoch durch unsere Fahrt bedingt schnell achteraus gehen. Wir fahren so an die 14 kn (ca. 26 km/h). Anschließend hebt die Welle den vorderen Teil des Schiffes an und läuft dann weiter durch. Zwei Minuten später kommt eine neue Welle und das Spiel beginnt von vorn. Jedes mal wird das Schiff um vier bis fünf Grad vom Kurs versetzt. Der Rudergänger muss das Ruder handhaben wie eine Kurbel, um unser Schiff auf Kurs zu halten. Die Ausgucks sitzen schon lange nicht mehr auf den drehbar gelagerten Zielfernrohren der 40 mm Kanonen, weil sie durch die schnellen Bewegungen des Schiffes ständig von einer Seite zur anderen geschleudert werden, ohne das sie etwas dagegen machen können. Als unsere Ablösung kommt, können wir endlich zum Essen gehen.

Im Mannschaftstagesraum sieht es aus wie nach einem Bombenangriff. Umgekippte Bänke (die Tische sind fest eingebaut), auf dem Boden herum rutschende Tabletts, Tassen, Messer und Gabeln. Ausgelaufene Kaffeekannen, Zuckerschalen und Honiggläser liegen auf dem Fußboden. Zwischen alledem findet sich Cornflakes und Milch, Brötchen und Butter und hier und da Erbrochenes wieder. Durch die starke Krängung des Schiffs nach beiden Seiten läuft die Suppe auch noch bis in den Gang. Ich habe Mühe genug mein Frühstück, es besteht nur aus einer Schale Cornflakes, von der Essensausgabe bis auf eine feste Bank zu balancieren. Obwohl der Fußboden des Mannschaftstagesraumes es nicht vermuten lässt, bei diesem Mistwetter essen nur wenige, die meisten leiden unter der Seekrankheit und liegen in der Koje oder hängen auf den Toiletten. Ich klemme mich mit meinen Beinen an die Sitzbank und unter einen Tisch und balanciere die Schale mit der einen Hand und esse mit der anderen. Der Oberkörper gleicht dabei die Bewegungen des Schiffes aus. Am Ausgang steht der Essensreste-Zerkleinerer, in den man seine Essensreste kratzen muss, bevor man das Tablett in die Geschirrrückgabe gibt. Bei diesem Wetter kotzen einige direkt in den Zerkleinerer, die hätten sich das Essen auch sparen können. Die Kameraden, die für das Frühstück zuständig sind, müssen den ganzen Mist wieder wegräumen und alles sauber machen. Na, da gehe ich doch lieber jeden Tag auf Brückenwache.



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Gegen 8 Uhr morgens lässt der Kommandant wegen schwerer See die Schanz, die Back und die beiden Seitendecks für jeglichen Verkehr sperren und ruft die Sturmroutine aus. Ab sofort braucht also nicht mehr gearbeitet werden, man hat den ganzen Tag zur freien Verfügung. Die meisten Leute gehen jetzt in die Koje und versuchen zu schlafen, mir geht es schon besser wenn ich nur die Augen schließen kann. Später nehme ich meine Kamera und gehe auf das noch offene A- und B-Deck. Das Wetter: trocken, windig in Böen 11 Bft, Wassertemperatur 11°C. Die riesigen Wellen lassen sich leider nicht auf 24 x 36 mm bannen, dennoch gelingen mir einige gute Aufnahmen. Lange sehe ich mir das Schauspiel an, es hat etwas Großes und Ewiges an sich. Die Hecksee ist grün-blau. Das Wasser ist so sauber, wie ich es noch nirgendwo gesehen habe. Die Hecksee erzeugt an den Seiten Meter hohe Gischtfahnen, dazwischen das tiefblaue Wasser. Jetzt weiß ich, woher der Name "Blauwassersegler" kommt.

Der Sturm hält bis zum Abend an und flaut dann langsam ab. Die Fregatte "Bremen" bricht aus unserem Verband aus um einem in Seenot geratenem dänischen Fischerboot zu helfen. Wir fahren jetzt vorm Wind. Auf diesem Kurs merkt man den Seegang und den Wind nicht so sehr. Das Schiff rollt und stampft jetzt nur noch mäßig. Schlafen kann man bei diesen Bewegungen besser als letzte Nacht, allerdings habe ich von 23:40 bis um 3:40 Uhr wieder Brückenwache.

Von einer anderen Reise gibt es ein Video von der DEUTSCHLAND im Sturm.

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